Einleitung: Die Wahl des richtigen Standorts – mehr als nur eine Formalie

Sehr geehrte Investoren und geschätzte Leser, die Sie mit dem deutschen Markt vertraut sind. Mein Name ist Liu, und ich blicke auf über 14 Jahre praktische Erfahrung in der Begleitung ausländischer Unternehmen bei ihrer Niederlassung in China zurück, davon 12 Jahre bei der Jiaxi Steuer- und Finanzberatungsgesellschaft. In dieser Zeit habe ich unzählige Anträge geprüft, mit Behörden verhandelt und vor allem eines gelernt: Die erste und vielleicht wichtigste strategische Entscheidung ist die Wahl des Registrierungsstandorts. Dabei steht man oft vor der Frage: Innerhalb oder außerhalb der Shanghai Free Trade Zone (FTZ)? Dies ist kein bloßes Verwaltungsthema, sondern ein fundamentaler Weichensteller für Geschwindigkeit, Flexibilität und langfristige Kostenstruktur Ihres China-Engagements. Während die Politik außerhalb der FTZ etabliert und weitgehend standardisiert ist, bietet die FTZ einen dynamischen, aber manchmal auch komplexeren Experimentierraum. Dieser Artikel will Ihnen als erfahrenem Leser eine detaillierte Gegenüberstellung aus der Praxis bieten – fernab trockener Gesetzestexte, nah dran an den realen Herausforderungen und Chancen, wie ich sie täglich erlebe.

Kapitalanforderungen und Einlagefrist

Beginnen wir mit einem der konkretesten Punkte: dem eingetragenen Kapital. Außerhalb der FTZ herrscht nach wie vor weitgehend das System der „subskribierten Kapitalisierung“ vor, bei dem die Höhe und die Einlagefristen im Gesellschaftsvertrag festgelegt und bei der Registrierung eingetragen werden. Die Behörden achten hier streng auf die Einhaltung dieser Fristen. Ich erinnere mich an einen Fall eines deutschen Maschinenbauers, der aufgrund interner Cashflow-Probleme seine zweite Rate nicht fristgerecht einbrachte. Die Folge war eine Mahnung der Behörde, die nicht nur den Geschäftsführer in Erklärungsnot brachte, sondern auch geplante Lizenzverlängerungen blockierte.

Vergleich der Registrierungspolitik für ausländische Unternehmen innerhalb und außerhalb der Shanghai Freihandelszone

Innerhalb der FTZ hingegen ist das System des „gezeichneten Kapitals“ bereits seit Jahren Standard. Die Aktionäre vereinbaren lediglich eine Gesamtsumme, die sie im Gesellschaftsvertrag festhalten, müssen diese aber nicht innerhalb einer bestimmten Frist vollständig einzahlen. Das gibt enorme finanzielle Flexibilität. Für Start-ups oder Unternehmen, die zunächst den Markt testen wollen, ist das ein entscheidender Vorteil. Man muss das Kapital nicht „parken“, sondern kann es bedarfsgerecht einbringen. Aus meiner Sicht ist dies einer der greifbarsten Vorteile der FTZ, der gerade in der Gründungsphase immense operative Freiheit schafft.

Allerdings hat auch diese Flexibilität zwei Seiten. In Verhandlungen mit lokalen Partnern oder bei größeren Ausschreibungen kann ein hohes, aber nicht eingezahltes Kapital manchmal skeptisch betrachtet werden. Es geht also nicht nur um die Regel, sondern auch um deren strategische Kommunikation nach außen. Meine Empfehlung lautet stets: Nutzen Sie die Flexibilität der FTZ, aber legen Sie im Gesellschaftsvertrag einen realistischen Einlageplan fest, der sowohl Ihre internen Prozesse als auch die Erwartungen externer Stakeholder berücksichtigt.

Genehmigungsverfahren vor der Registrierung

Der vielleicht zeitintensivste Teil der Gründung außerhalb der FTZ sind oft die vorgeschalteten Genehmigungen. Für viele regulierte Branchen (wie etwa im Bildungs-, Kultur- oder bestimmten Technologiebereichen) muss zunächst ein „Vor-Genehmigungs-Zertifikat“ von der zuständigen Fachbehörde eingeholt werden, bevor überhaupt der Antrag bei der Marktregulierungsbehörde gestellt werden kann. Dieser Prozess kann Monate dauern und erfordert detaillierte Geschäftspläne, Qualifikationsnachweise und oft persönliche Vorstellungen.

In der Shanghai FTZ gilt für eine große Anzahl von Branchen das revolutionäre „Negative List“-System kombiniert mit der „Bestätigung statt Genehmigung“-Politik. Solange Ihre Geschäftstätigkeit nicht auf der Negativliste steht, können Sie direkt zur Registrierung schreiten. Die ehemals notwendige Vorabgenehmigung entfällt. Das ist ein Quantensprung in der Geschwindigkeit. Ein Schweizer FinTech-Unternehmen, das wir begleitet haben, konnte so seine WFOE (Wholly Foreign-Owned Enterprise) in der FTZ in Rekordzeit gründen, während ein vergleichbares Projekt in Peking damals noch im Genehmigungsdickicht steckte.

Die Krux liegt hier im Detail: Die „Negative List“ wird regelmäßig aktualisiert. Was heute möglich ist, könnte morgen eingeschränkt sein – und umgekehrt. Eine gründliche Prüfung der aktuellsten Liste ist daher unabdingbar. Meine persönliche Einsicht nach all den Jahren: Die FTZ-Politik ist lebendig und entwickelt sich schnell. Man muss am Ball bleiben. Der administrative Vorteil ist immens, aber er verlangt auch eine erhöhte Aufmerksamkeit für politische Updates, die ich meinen Klienten stets ans Herz lege.

Währungsumrechnung und Kapitalkonto

Ein oft unterschätztes, aber finanziell höchst relevantes Thema ist die Handhabung von Devisen. Außerhalb der FTZ unterliegen Kapitaltransfers, insbesondere die Umwandlung von RMB in Fremdwährung für Dividendenzahlungen oder Lizenzgebühren an das Mutterhaus, einer strengen Prüfung und Quotenregulierung durch die State Administration of Foreign Exchange (SAFE). Jeder Transfer muss belegt und genehmigt werden – ein Prozess, der bürokratischen Aufwand und Zeit kostet.

Innerhalb der FTZ genießen Unternehmen einen deutlich liberalisierten Zugang zum Kapitalkonto. Es gibt vereinfachte Verfahren für grenzüberschreitende Kapitaltransfers, einschließlich Direktinvestitionen und Gewinntransfers. Ein zentrales Werkzeug ist hier das „FTZ-Konto“ (auch Free Trade Account, FTA), das eine effizientere Konvertierung und einen einfacheren Cash-Pooling-Mechanismus zwischen in- und ausländischen Konten ermöglicht. Für ein österreichisches Industrieunternehmen, das regelmäßig Technologiegebühren zahlt, war die Einrichtung eines FTA-Kontos ein Game-Changer, der den Prozess von Wochen auf Tage verkürzte.

Allerdings ist das FTA-System nicht ganz ohne Tücken. Die initiale Einrichtung und die Compliance-Anforderungen der Banken sind anspruchsvoll. Man muss die Spielregeln genau kennen. Mein Rat: Bauen Sie eine enge Beziehung zu einer Bank mit FTZ-Erfahrung auf. Die richtige Bank kann den Prozess nicht nur administrieren, sondern auch aktiv optimieren. Hier zeigt sich: Der größere Spielraum in der FTZ erfordert auch mehr finanztechnisches Know-how – intern oder durch einen kompetenten Berater.

Steuervergünstigungen und Anreize

Steuern sind natürlich ein Kernpunkt für jeden Investor. Außerhalb der FTZ gelten die landesweit standardisierten Steuersätze und Anreize, wie sie etwa für High-Tech-Unternehmen oder in bestimmten Förderzonen angeboten werden. Diese sind oft an strenge Bedingungen geknüpft (z.B. ein bestimmter Prozentsatz an F&E-Ausgaben).

Die Shanghai FTZ bietet nicht per se niedrigere landesweite Steuersätze, hat aber die Befugnis, lokale steuerliche Rückerstattungen oder Subventionen in größerem Umfang und flexibler zu gewähren. Dies betrifft oft Teile der lokalen Einkommenssteuer oder Gewerbesteuer. Zudem wurden in der FTZ spezielle Steuerpolitiken für bestimmte Sektoren wie Leasing, Handel oder integrierten Handel mit Dienstleistungen pilotiert. Ein niederländisches Logistikunternehmen profitierte beispielsweise von einer beschleunigten Mehrwertsteuer-Rückerstattung für seine in der FTZ angesiedelten Handelsaktivitäten, was seine Liquidität deutlich verbesserte.

Der Haken: Diese Anreize sind nicht automatisch. Sie müssen aktiv beantragt werden, und die Politik kann sich je nach Verwaltungsbezirk innerhalb der FTZ (z.B. Waigaoqiao, Lujiazui, Yangshan) leicht unterscheiden. Es ist ein „Förderdschungel“, in dem man sich zurechtfinden muss. Meine Erfahrung ist, dass viele Unternehmen potenzielle Vorteile einfach liegen lassen, weil der Antragsprozess als zu aufwendig erscheint. Hier lohnt sich eine professionelle Due Diligence und Antragsbegleitung oft um ein Vielfaches.

Flexibilität bei Geschäftsfeldern

Der eingetragene Geschäftsumfang ist das juristische Herzstück Ihrer Aktivitäten. Außerhalb der FTZ neigen die Behörden dazu, diesen sehr spezifisch und eng auszulegen. Jede wesentliche Erweiterung oder Änderung erfordert eine aufwendige Änderungsregistrierung. Wenn Sie also „Softwareentwicklung“ eingetragen haben und später auch Schulungen anbieten wollen, kann das bereits eine Formalie nach sich ziehen.

In der FTZ wird eine liberalere Auslegung des Geschäftsfeldes praktiziert. Unternehmen können einen breiteren, allgemeiner formulierten Umfang eintragen lassen (z.B. „Technologieentwicklung, Beratung und verwandte Dienstleistungen“). Dies erlaubt eine gewisse betriebliche Agilität, ohne bei jeder kleinen strategischen Anpassung sofort die Behörden einschalten zu müssen. Für innovative Unternehmen, die sich schnell an Marktbedürfnisse anpassen müssen, ist das ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

Aber Vorsicht: „Liberal“ heißt nicht „grenzenlos“. Bei Aktivitäten, die auf der Negativliste stehen oder besondere Genehmigungen erfordern, gilt auch hier die strikte Regel. Die Kunst liegt darin, den Rahmen so weit wie möglich, aber gleichzeitig so präzise wie nötig zu stecken. Ein zu vager Umfang kann bei späteren Bankgeschäften oder Steuerprüfungen zu Nachfragen führen. Hier fließt meine ganze Erfahrung in die Formulierung eines robusten, aber flexiblen Geschäftsfeldtextes ein – das ist oft schon halbe Miete für einen reibungslosen Betrieb.

Fazit: Eine strategische, keine administrative Entscheidung

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Vergleich zwischen Innen und Außen der Shanghai FTZ kein einfaches „besser oder schlechter“ ergibt, sondern eine klare Abwägung von Flexibilität und Geschwindigkeit gegen etablierte Standardisierung. Die FTZ bietet ausländischen Investoren ein einzigartiges Paket aus Kapitalflexibilität, vereinfachten Genehmigungen, liberalisierten Devisenregeln und potenziellen steuerlichen Anreizen. Dieser „Vorsprung“ wird jedoch mit einer dynamischeren, sich schneller ändernden Regulierung und einem höheren initialen Rechercheaufwand erkauft.

Für etablierte Unternehmen mit einem klaren, langfristigen Geschäftsmodell in einem standardisierten Umfeld kann der Standort außerhalb der FTZ nach wie vor die passende, stabile Wahl sein. Für agile Unternehmen, Start-ups, Handels- und Finanzdienstleister oder solche, die China als „Testmarkt“ nutzen wollen, ist die FTZ oft die überlegene Option. Mein persönlicher Ausblick: Die Politik der FTZ dient als Labor für Reformen. Viele der heute in der FTZ erprobten Erleichterungen (wie das Negative-List-System) werden schrittweise auf das ganze Land ausgeweitet. Die Entscheidung für die FTZ ist daher auch ein Bekenntnis zur Vorreiterrolle und kann langfristig Vorteile sichern, selbst wenn sich die Politik landesweit angleicht. Am Ende sollte die Wahl nie nur eine Frage des Formulars, sondern eine fundamentale strategische Weichenstellung für Ihre China-Reise sein.

Einschätzung der Jiaxi Steuer- und Finanzberatung

Bei der Jiaxi Steuer- und Finanzberatungsgesellschaft, wo ich zwölf Jahre lang tätig war, betrachten wir die Wahl des Registrierungsstandorts stets als ersten und entscheidenden Schritt in einer ganzheitlichen China-Strategie. Unser Ansatz geht über den bloßen Politikvergleich hinaus. Basierend auf Hunderten von erfolgreichen Projekten haben wir ein Bewertungsmodell entwickelt, das die spezifischen Parameter Ihres Unternehmens – von der Branche über die geplante Kapitalstruktur bis hin zur langfristigen Expansionsroadmap – mit den sich ständig weiterentwickelnden Politiken innerhalb und außerhalb der FTZ abgleicht. Wir sind der Überzeugung, dass die FTZ nicht für jedes Unternehmen ein Automatismus ist, aber für viele ein kraftvoller Katalysator sein kann. Unser Fokus liegt darauf, nicht nur die initialen Erleichterungen aufzuzeigen, sondern auch die mittel- bis langfristigen Compliance-Anforderungen und Geschäftskosten im Blick zu behalten. Ein in der FTZ registriertes Unternehmen benötigt beispielsweise oft eine kontinuierlichere und proaktivere Beratung, um mit politischen Updates Schritt zu halten. Genau hier bringt Jiaxi seine geballte Erfahrung ein: Wir helfen Ihnen nicht nur bei der Gründung, sondern begleiten Sie als strategischer Partner, um die gewählten Vorteile auch nachhaltig in operativen Erfolg umzumünzen und Fallstricke in der laufenden Verwaltung zu vermeiden. Letztlich ist unser Ziel, dass Ihr Standort nicht nur ein Eintrag im Handelsregister, sondern ein aktiver Wettbewerbsvorteil wird.